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Erfahrungswissen nutzen
Datum: 10. Februar 2010
Bericht von: MC OWL Bielefeld

Bielefeld, 8. Februar 2010. Wenn sich Arbeitsabläufe als unbrauchbar erweisen, Regeln veraltet sind oder sich das Firmenleitbild überlebt hat, dann bemerkt das die Belegschaft eines Unternehmens häufig zuerst. Das Problem: Wer Verbesserungsvorschläge hat, dringt nur selten bis zu den Entscheidern durch. Die Bielefelder Synaxon AG hat 2006 Wikis als zentrales Wissensmanagementwerkzeug eingeführt. Das Gehirn von Europas größter IT-Verbundgruppe funktioniert wie die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia, an der jedermann mitschreiben kann. Ein Exkurs des Marketing-Clubs OWL Bielefeld in das Potenzial kollektiver Intelligenz.
Die meisten der 140 Synaxon-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Akademiker, doch an der Wissensproduktion beteiligte sich lange Jahre nur ein Zehntel von ihnen. „Das hat mich geärgert“, bekennt Vorstandsmitglied Frank Roebers. „Wissen floss nicht schnell genug dorthin, wo es nützt. Und wer sich nicht gehört fühlt, hält beim nächsten Mal den Mund.“ Ein Vortrag des Wikipedia-Gründers ließ den Juristen nicht mehr los. Frank Roebers betätigte sich selbst als Autor der Enzyklopädie und nahm begeistert zur Kenntnis, wie sein Beitrag in Windeseile an Qualität gewann. „Ich war fasziniert! Warum nicht auch bei Synaxon so ein Wiki einführen?“
2006 ging es los. Die kostenlose Software war installiert, die ersten 4.000 Dokumente wurden in einem Kraftakt eingestellt. Als sich ein neuer Mitarbeiter ein Herz fasste und mutig das Unternehmensleitbild hinterfragte, war das die Initialzündung für seine Kolleginnen und Kollegen. Inzwischen ist das Wissen der Synaxon AG auf 40.000 Seiten angewachsen – von Verträgen mit Lieferanten bis zur Stellenbeschreibung des Angestellten. Von der Projekt- und Prozessbeschreibung bis zur Regelung der privaten Internetnutzung während der Arbeitszeit. Zwei Prinzipien beherrschen das Synaxon-Wiki: Jeder kann jeden Eintrag kommentieren oder bearbeiten und jeder kann alle Informationen einsehen – ausgenommen sind Bewertungsbögen und (noch) die Gehälter der Mitarbeiter.
Warnende Stimmen, die Idee der kollektiven Firmenintelligenz werde im Chaos enden, verstummten schnell: Jeder Beitrag muss namentlich gekennzeichnet werden. In vier Jahren Synaxon-Wiki gab es keinen einzigen Missbrauch. Durch die zentrale Informations- und Arbeitsplattform ist eine völlig neue Unternehmenskultur entstanden, die den unternehmerischen Erfolg von Synaxon maßgeblich mitbestimmt. Das mehrfach bearbeitete Leitbild zieht High-Potentials an, der Informationsfluss hat sich verbessert. Jedes Meeting wird in Wiki vorbereitet und drei Viertel der Agenda ist im Vorfeld erledigt. „Auch Nörgler haben kaum noch eine Chance“, freut sich Frank Roebers. „Schreib’s doch ins Wiki!“, sagen die Kollegen dann.
85 Millionen Mal wurde das Synaxon-Wiki bis heute aufgerufen, 286.000 Mal bearbeitet. Warum machen sich die Menschen so viel Arbeit? „Weil jeder sehen kann, was jeder leistet.“ Auf Tastendruck werden alle, die an einem Artikel mitgeschrieben haben, mit ihrem Beitrag angezeigt. Im Synaxon-Wiki kann sich jeder auf eigenen Seiten mit Foto, Lebenslauf und Hobbys darstellen. „Das ist pures Selbstmarketing. Hier treten Talente zu Tage, die eigentlich jede Personalakte überflüssig machen." Inzwischen gibt es ein weiteres Wiki für den Kreis der Franchise-Nehmer und auch einen Synaxon-Blog. "Wir haben sie alle zu Akteuren gemacht", resümiert Frank Roebers zufrieden. "Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, unsere Partner und deren Belegschaft und schließlich auch die Endkunden - das ist bestes Suchmaschinenmarketing!"
